Die Begegnung mit Jesus ermöglich Neues!
Die Frage nach einer gelungenen Transformation - nach einer guten Lebensführung
Liebe Pfarrgemeinde, liebe Freunde von Krems-St. Paul!
Nach dem kurzen Fasching beginnt mit dem Aschermittwoch die vierzigtägige österliche Bußzeit, auch „Fastenzeit“ genannt. Was erwartet man sich als Christ von der Fastenzeit? Hat sie heute, im 21. Jahrhundert, noch einen Sinn und wenn ja, worin besteht er?
Nicht wenige Christen verbinden die Fastenzeit mit dem Gedanken, Gott erwarte von den Menschen religiöse Hochleistungen. Es scheint, als wäre die Fastenzeit lediglich eine Zeit der Qualen und Schikanen.
Das ist leider eine sehr eingeschränkte Sichtweise auf die Fastenzeit!
Zu diesem Anlass gibt es auch in diesem Jahr wieder ein Fastentuch. Es stammt vom Künstler und Priester Sieger Köder – „…“. Warum dieses Bild? Weil es um ein wesentliches Thema des Lebens geht: um das Sakrament der Taufe und damit verbunden um die Eingliederung des Menschen in den Leib Christi. In heutiger Sprache formuliert geht es um eine gelungene Lebensgestaltung.
Was bewirkt, beziehungsweise was sollte die Taufe bewirken und warum lässt man sich heute taufen? Nebenbei erwähnt: Jedes liturgische Jahr hat – seit der Konzilserneuerung – in der Fastenzeit einen theologischen, anthropologischen und spirituellen Schwerpunkt. So spricht das heurige Jahr A in den folgenden Fastensonntagen von der Eingliederung des Menschen in das Christentum. Das Jahr B hingegen hat den Schwerpunkt „Bund und Bund-Erneuerung“, und das vergangene Jahr C stellte die Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt.
Das Bild zeigt eine Frau, die allein am Rand eines Brunnens steht und in die Tiefe blickt. Tief unten an der Quelle sieht sie ihr eigenes Gesicht und neben sich ein zweites Gesicht, das eines Mannes. Beide sind durch einen Lichtstrahl getrennt. Der Mann wendet sich der Frau zu, der Mund leicht geöffnet, als wolle er sie etwas fragen oder ihr etwas sagen: Ich kenne dein Leben. Ich kenne deine Sehnsüchte. Ich verstehe dich und stehe dir nahe. Du bist nicht allein.
Die Frau neigt sich ihm vertrauensvoll zu. Wahrscheinlich erfährt sie zum ersten Mal, was bedingungslose Annahme und echtes Verständnis für ihr Leben bedeuten.
Bezug zu heute?! Die Fastenzeit sollte mit einer wesentlichen Frage beginnen: Gibt es Wünsche, Sehnsüchte oder Visionen in meinem Leben, und möchte ich sie gerade in dieser Zeit neu entdecken und leben?
Das ist mehr als nur bewusster zu leben, zu essen oder einige Grundsätze einer besseren Alltags-Ethik einzuhalten. Wir merken wie wir diesen Anforderungen oft hinterherjagen und uns – wie diese Frau – eingestehen müssen: Es gelingt nicht immer. Das kann leicht zu Überforderung und Resignation führen. Es kann ermüden, Regeln und Normen entsprechen zu müssen.
Schon die Antike kannte man dafür den Begriff Eudaimonia – die Bezeichnung für eine gelungene Lebensführung, für ein Leben im Einklang mit ethischen Grundsätzen. Selbst Aristoteles meinte, dass dies ein beschwerlicher Weg sei, um zu einer Art von Glückseligkeit zu gelangen.
Wie gehen wir Christen damit um? Sagen wir es so: In jedem Leben unabhängig von Religion bestehen drei grundlegende Sehnsüchte. Die erste ist: angenommen zu sein und selbst sein zu dürfen. Die zweite ist: Beziehung zu leben, Gemeinschaft zu erfahren – dahinter steht der Wunsch, geliebt zu werden und sich selbst verschenken zu können. Die dritte ist: eine sinnvolle Verwirklichung zu haben – jeder Mensch möchte einen Beitrag leisten.
Hier stellt sich die entscheidende Frage: Aus welchem Brunnen schöpfe ich, um diese Sehnsüchte, diesen Durst zu stillen? Das ist eine freie Entscheidung des Menschen.
In der biblischen Erzählung im Johannes Evangelium, Kap. 4, erfahren wir, dass diese Frau aus falschen Quellen Wasser für ihr Leben geschöpft hat. In der Begegnung mit Jesus zeigt der Evangelist, dass Jesus weder eine moralische Vorlesung hält noch ihren Lebensstil beurteilt. Er beginnt, wie ich hier im Artikel mit der Frage: „Mich dürstet.“ Übersetzt heißt das: Was sind deine Sehnsüchte und sind sie wirklich gestillt?
Im Gespräch mit Jesus erfährt diese Frau, was Transformation bedeutet – eine tiefgreifende, irreversible Veränderung. Und hier liegt die Antwort auf jede Fastenzeit: Transformation oder Umkehr des Herzens ist etwas, das Gott dem Menschen schenkt, ohne dass man es sich verdienen müsste. Die Armut der Dürstenden zieht Gottes Barmherzigkeit an.
Was geschieht in diesem Gespräch? Ihr wird ein radikaler Neubeginn geschenkt, weil sie sich nach einer Wahrheit sehnt, die ihr Leben trägt.
In vier Punkten sei kurz erklärt: a) in ihrer Persönlichkeit. In der Begegnung mit diesem zunächst fremden Mann, der sich als Messias offenbart, empfängt sie eine neue und wahre Identität – als Frau und als Mensch. b) auf ihrer emotionalen Ebene: Durch das Eingeständnis, ihren Durst an falschen Orten gestillt zu haben, erfährt sie Heilung ihrer Wunden und des Lebens. c) Mental: Ihr „Mindset“ , wie heute gesagt, verändert sich - sie wächst von Angst zu Vertrauen, von Kontrolle zu Hingabe. d) Spirituell: Sie findet tieferen Sinn im Gespräch mit Jesus, Klarheit über Gott und eine Verbundenheit mit den Menschen.
Transformation ist nicht laut oder dramatisch. Sie ist ein leiser Vorgang, oft mit dem Schmerz der Erkenntnis verbunden – aber heilsam. Sie verändert nicht nur, was du tust, sondern wer du bist. Es ist eine langfristige und nachhaltige Veränderung. Sie erfordert Mut, Hingabe und Geduld, doch am Ende schenkt Gott dafür ein neues Leben.
Und genau das feiern und erneuern wir im Ostergeheimnis der Taufe: gelungene Lebensgestaltung!
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine fruchtbare Fastenzeit und ein gesegnetes Osterfest.
Ihr Pfr. Nikolaus Vidovic
P.S.: Da dies mein vorletzter Pfarrbrief ist – der letzte wird nur mehr meine Verabschiedung sein –, wollte ich diese Ausgabe als mein kleines Testament an die Pfarre nutzen. Daher bitte ich Sie ein letztes Mal um Ihr Verständnis und um einen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein echtes Verstehen dieser Zeilen gibt.