Pfarre Krems St. Paul

Monatsblatt 2019/03

Die Kraft der Vergebung

Sich und der Welt zu vergeben, erzeugt einen tiefen, inneren Frieden und lässt die Seele erblühen. Es ist ein Weg, den es zu gehen gilt, durch so manche leidvolle Erfahrung. Es braucht Mut und die Bereitschaft, durch den Schmerz hindurch zu gehen. Was bleibt, ist die versöhnende Kraft der Liebe.

Die Fastenzeit bietet die Gelegenheit, dieses Thema an sich heranzulassen. (Pfarrer Mag. Hofmarcher)

Der folgende Text stammt aus Kirche bunt 1/2019

Friedrich Kopitar, ehrenamtlicher Seelsorger im Krankenhaus Krems, ist überzeugt, dass die Fähigkeit, vergeben zu können, essenziell wichtig ist für ein glückliches und befreites Leben – nicht erst auf dem Kranken- oder Sterbebett.

Es gäbe drei Möglichkeiten, auf eine Kränkung zu reagieren, so Kopitar. Die eine sei die Rache: „Ich zahle es ihm oder ihr heim!“ Die zweite Reaktionsweise richtet sich gegen sich selbst: Ich versuche zu verdrängen, klage mich selbst an, trage es dem anderen nach oder ziehe mich verletzt aus Beziehungen zurück – alles selbstschädigende Verhaltensweisen. Die dritte Möglichkeit sei die Vergebung – ein rein innerseelischer Prozess, den der Mensch mit sich selbst ausmache. So könne jeder – unabhängig vom Verhalten des anderen – entscheiden, ob er eine Kränkung nachträgt oder vergibt.

Kein einfacher Willensakt, sondern ein längerer Prozess

Vergebung ist allerdings nicht ein einfacher Willensakt, sondern ein längerer, sich manchmal wiederholender Prozess in mehreren Schritten. Je schwerer die Verletzung, etwa bei einer Scheidung, umso länger kann dieser Prozess dauern.

Der erste Schritt bestehe darin, so Kopitar, auf die eigene Würde zu achten und die „Selbstliebe“ zu stärken. Die Aufforderung Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ beinhaltet die Selbstliebe. Und wer sich selbst achtet, muss auch seine Würde schützen sowie Grenzen setzen. Um des lieben Friedens willen oder aus vermeintlicher Gutmütigkeit würden Kränkungen aber oft „geschluckt“ und verdrängt, beobachtet Friedrich Kopitar.

Als nächsten Schritt hin zur Vergebung empfiehlt er, sich die kränkende Situation zu vergegenwärtigen und nochmals wie einen Film geistig vor sich ablaufen zu lassen: Wer hat was gesagt? Wer hat sich wie verhalten? Oft bleibe im Gedächtnis zunächst nur die eigene Reaktion hängen, und das Nachdenken fördere die Objektivität. Ein wichtiger Teil dabei sei, den eigenen Schmerz und Gefühle zuzulassen. Zwei wichtige Gefühle: Wut und Scham. Wer seine Wut zulasse, so Kopitar, könne sie in Mut und Kraft verwandeln. Die Scham, ein Tabuthema, betreffe das Innerste des Menschen und werde oft überspielt.

Mich selbst und den anderen besser verstehen

Das Nachdenken über die Situation sollte dazu führen, mich selbst und den anderen besser zu verstehen: Was sind meine Anteile an der Situation und warum hat der andere so gehandelt? Das bedeutet auch, aus der Rolle des Opfers auszusteigen und sich eigene Unzulänglichkeiten einzugestehen. Wer den anderen besser versteht, erfährt meist, dass die Kränkung nicht persönlich gegen sich gerichtet war, weil auch der andere aus seiner Lebensgeschichte heraus agiert und reagiert. Wer für den anderen zu beten beginnt, ist einen großen Schritt in Richtung Vergebung gegangen.

Im Nachhinein könne man aus einer Kränkung sogar lernen und einen Sinn darin finden, ist Kopitar überzeugt. Wer mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt komme, der lerne sich selbst besser kennen und wisse, was das eigene Lebensglück ausmache. „Leute, die einen kränken, helfen einem, sich das eigene Leben anzuschauen.“ Wer eine Antwort auf die Frage „Wozu?“ gefunden hat, kann leichter vergeben.

Oft braucht es zunächst Distanz zum anderen, damit danach wieder Nähe entstehen kann. Wem es alleine nicht gelingt zu vergeben, der kann sich an Gott wenden, der alle Menschen gerecht richtet. Auch so muss man den „schweren Stein“ des Verletzt-Seins nicht alleine tragen. Man kann auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Wer eine Kränkung nachträgt, richtet seine Energie auf die Vergangenheit. Wer zur Vergebung findet, kann sich mit Freude und Energie der Gegenwart und dem Leben zuwenden.

Vortrag von Ing. Friedrich Kopitar am 14. März 2019