Pfarre Krems St. Paul

Monatsblatt 2017/12

"Christ, der Retter ist da"

Brauchen wir Gott als Retter

Weihnachtslieder haben wir eigentlich schon reichlich gehört. Für manchen Menschen ist es so reichlich, dass er an Weihnachten schon keine Lust mehr hat, sie zu hören oder gar zu singen. Aber selbst wenn man sich bemüht, wegzuhören – irgendwann erwischt einen doch eine Melodie oder ein kurzer Satz und hängt sich fest. Bei mir waren es die Worte: „Christ, der Retter ist da.“

Und der Ohrwurm verwandelte sich in so etwas wie einen „Gedankenwurm“, in eine Art „Fragekarussell“. Der Retter – wovon eigentlich? Oder woraus? Hat sich denn seit der Geburt Jesu so viel zum Guten verändert?

Ein Retter – wovon?

Aufs Ganze gesehen kann man zu der Auffassung gelangen: Die Welt ist nicht besser geworden. Und da, wo sie besser geworden ist, ist es das Werk des Menschen: Mit Verstand, Mut, Neugier und oft unter großen Opfern hat er in vielen Bereichen das Leben besser gemacht. Mit der Einschränkung allerdings, dass von vielen Segnungen des Fortschritts nur der kleinere Teil der Menschheit profitiert!

Ein Retter befreit aus einer Gefahr. Aus größter Not befreit der Lebensretter. Trotz allen Fortschritts: In welcher Gefahr befindet sich der Mensch? In einer Gefahr, die vielleicht sogar lebensbedrohlich ist?

Die größte Gefahr

Die größte Gefahr ist vielleicht die Lieblosigkeit. Das klingt zu simpel, zu einfach gestrickt? Ich komme darauf, weil ich mich frage, was ich am meisten fürchte und worunter ich am meisten leide. Und ich frage mich, worauf ich nie und unter keinen Umständen verzichten möchte.

Um mit der letzten Frage zu beginnen: Verzichten möchte ich unter keinen Umständen und zu keiner Zeit auf die ehrliche und herzliche Zuwendung, die mir Menschen schenken.

Und am meisten fürchte ich Kälte und Gleichgültigkeit. Die Kälte, mit der mir andere begegnen, zieht mir gewissermaßen unter die Haut, sie lässt auch mich innerlich gefrieren. „Christ, der Retter ist da!“ Was haben wir von Gott? Was bringt es, zu glauben? Als Kind habe ich gelernt: das ewige Leben. Das ist sicher richtig. Aber das eigentliche Geschenk ist Jesus – Christ, der Retter. Ihn zu haben, ist das ewige Leben.

Ein glücklicher Gott

Dass er da ist, sagt mir zumindest, dass diese Welt und jeder Einzelne nicht verloren und gleichgültig sind. Es gibt einen Gott, der eigensinnig genug ist, in der Liebe zur Welt glücklich zu sein. Der freiwillig und gerne dort Mensch ist, wo ich nicht leben möchte, weil ich fürchte, das Elend könnte mich herzlos und kalt machen.

Gott riskiert eine Menge, wenn er in Jesus Mensch unter Menschen wird. Er riskiert Ablehnung und Unverständnis, er riskiert Erfolglosigkeit und Lieblosigkeit. Liebe muss man nicht erwidern. Der Liebende ist immer machtlos, denn durch nichts kann ich einen Menschen dazu bringen, mir seine Liebe zu schenken oder meine Liebe zu erwidern.

Ein machtlos liebender Gott

Erstaunlicherweise hat unser Gott diesen Weg der Machtlosigkeit gewählt, um uns zu begegnen und uns nahe zu sein. Aber das ist nur konsequent. Wenn Gott den Menschen frei wollte und ausgestattet mit Verstand und
Entscheidungsfähigkeit, dann blieb ihm keine andere Wahl.

So ist eben Gottes Weihnachtsgeschenk, seine Gabe an uns: ein Säugling, ein kleiner Mensch, der nur groß werden kann, wenn andere ihn mit Liebe umsorgen. Das Risiko jeder Geburt: Wird jemand da sein, der genug Liebe hat, damit das Kind leben kann?

Jesus wird tatsächlich dann zum Retter, wenn man sich zuerst überwinden kann, darüber zu staunen, was hier geschieht. Wenn man sich überwinden kann, ein Geschenk anzunehmen, für das es keine Gegengabe gibt. Außer eben die Bitte: Sei du mein Lebensretter.

Oder, auf den Punkt gebracht: Gegenliebe! Und die ist übrigens nicht nur für Jesus, den Retter, das schönste Weihnachtsgeschenk.

Monsignore Joachim Göbel
In:Pfarrbriefservice.de