Pfarre Krems St. Paul

Monatsblatt 2017/10

"Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen"

Gedanken anlässlich der revidierten Einheitsübersetzung der Bibel

Das Zitat im Titel stammt vom Kirchenvater Hieronymus, der im 4. Jahrhundert die Bibel aus den Originalsprachen ins Lateinische übersetzt und damit ein in der Kirche bis in unsere Tage wichtiges Werk, die „Vulgata“, geschaffen hat.

Allerdings: Den Katholiken wurde das Kennenlernen der Heiligen Schrift durch persönliche Lektüre schwer gemacht, ausgewählte Inhalte wurden ihnen durch Predigten und christliche Lehre, allenfalls „Biblische Geschichten“ vermittelt. Dies geschah auch zur Abgrenzung gegenüber den evangelischen Christen: Diesen stand im deutschen Sprachraum seit dem 16. Jahrhundert die Bibelübersetzung Martin Luthers zur Verfügung. Begünstigt durch den Buchdruck sollte in jeder Familie eine Lutherbibel vorhanden sein und auch genutzt werden. Erst die Bibelbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Beispiel: Bibelapostolat des Augustiner-Chorherren Pius Parsch in Klosterneuburg) und Äußerungen einzelner Päpste (Benedikt XV., Pius XII.) leiteten eine Wende ein. Den endgültigen Durchbruch zu einem freien, ja erwünschten Zugang zur Schrift brachte das Zweite Vatikanische Konzil. Im Dokument über die göttliche Offenbarung („Dei verbum“) heißt es u.a.: Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offen stehen… Da aber das Wort Gottes allen Zeiten zur Verfügung stehen muss, bemüht sich die Kirche in mütterlicher Sorge, dass brauchbare und genaue Übersetzungen in die verschiedenen Sprachen erarbeitet werden, mit Vorrang aus dem Urtext der Heiligen Bücher (DV 22). Mit Recht spricht Weihbischof Helmut Krätzl daher von der Wiederentdeckung der Bibel - und hebt auch hervor, dass es sich dabei um einen großen Schritt in der Ökumene handelt, heißt es doch an der erwähnten Stelle des Dokuments noch: Wenn die Übersetzungen bei sich bietender Gelegenheit und mit Zustimmung der kirchlichen Autorität in Zusammenarbeit auch mit getrennten Brüdern zustande kommen, dann können sie von allen Christen benutzt werden. Dieser Schritt war bisher nur eingeschränkt erfolgreich.

Frucht der Wiederentdeckung der Bibel war die Einheitsübersetzung 1980, die erste kirchenamtliche Übersetzung der ganzen Heiligen Schrift (Altes und Neues Testament). Sie hat ihren Namen, weil sie in allen deutschsprachigen Diözesen die Verwendung eines einheitlichen Textes ermöglicht. Die ökumenische Zusammenarbeit mit den evangelischen Christen umfasste das Neue Testament und die Psalmen. Im Übrigen blieb die Evangelische Kirche meist bei der identitätsstiftenden, wirkungsvollen Übersetzung Martin Luthers.

Jetzt liegt eine revidierte Übersetzung für die katholischen Diözesen des deutschen Sprachraums vor: die Einheitsübersetzung 2017. Aus welchen Gründen erfolgte diese Überarbeitung?

Jeder, der je einen anspruchsvollen Text ins Deutsche übersetzt hat, kennt die damit verbundenen Schwierigkeiten, sollen doch Inhalt und Stil möglichst genau und für den Leser von heute verständlich wiedergegeben werden. Besonders fordernd ist die Übersetzung aus alten Sprachen (Altes Testament aus dem Hebräischen, Neues Testament aus dem Griechischen) und von Texten, die 2000 und mehr Jahre alt sind. Seit der Einheitsübersetzung 1980 haben sich die Sprache und wissenschaftliche Erkenntnisse weiterentwickelt. Wichtige Merkmale für die Überarbeitung waren die Überprüfung der Originaltexte, die Korrektur von Übersetzungsfehlern, die Tilgung von Hinzufügungen und von nicht mehr aktuellen Sprachmoden, die Verdeutlichung von biblischen Sprachbildern u.a.

Es können hier nur ein paar Beispiele angeführt werden: Für den in der jüdischen Tradition nie ausgesprochenen Gottesnamen im Alten Testament, bisher oft als „Jahwe“ wiedergegeben, steht jetzt „HERR“. Paulus lässt im Römerbrief (16,7) die Apostelin Junia (nicht wie bisher einen Junias) grüßen. In den Paulusbriefen wird aus der Anrede „Brüder“ die Anrede „Brüder und Schwestern“, wenn sie sich an eine gemischte Gruppe richtet, da in einem solchen Fall mit dem griechischen Wort adelphoi auch die Frauen gemeint waren. Im Lukasevangelium (1.24.31) „empfangen“ Elisabeth und Maria nicht, sondern „werden schwanger“. Weitere Beispiele und Informationen zur Einheitsübersetzung 2017 sind im Internet unter www.bibelwerk.de zu finden, dort gibt es weitere Links unter „Informationen zur neuen Einheitsübersetzung“.

Verschiedenste Bibelausgaben in der Einheitsübersetzung 2017 sind bereits im Buchhandel erhältlich. Die Einarbeitung der revidierten Übersetzung in die liturgischen Bücher steht bevor. Wir wollen hoffen, dass das Werk angenommen wird und im Sinne des Kirchenvaters Hieronymus die Kenntnis der Schrift hilft, Christus zu erkennen.

Dr. Heinz Steiberger